Auch nach der Wahl: Europa braucht Helden 

Vom 23. bis 26 Mai 2019 wurde das neue EU-Parlament gewählt. Die Europawahl galt als Schicksalswahl für die Europäische Union, fiel sie doch in eine Zeit, in der rechtspopulistische Parteien das Ende der EU fordern, die Briten weiterhin um ihren Ausstieg aus der EU kämpfen und vielerorts die Errungenschaften der EU vergessen scheinen. Es dominierte die Sorge vor einer niedrigen Wahlbeteiligung, die sich zugunsten der Rechten auswirken könnte. So nutzten bei der letzten Europawahl 2014 weniger als die Hälfte aller Wahlbeteiligten ihr Stimmrecht. Einen Tag nach der Wahl hört man gleichwohl erleichtertes Aufatmen wie besorgtes Seufzen.

Zunächst die guten Nachrichten: Im Vergleich zu den letzten Europawahlen war die Wahlbeteiligung überraschend hoch. In Deutschland stieg sie von 48,1 auf 61,4 Prozent. In Spanien konnte sogar ein Anstieg von 15 Prozent auf mehr als 49 Prozent der 37 Millionen Wahlberechtigten gemeldet werden. In Frankreich, Rumänien, Polen, Dänemark und in der Slowakei gingen ebenfalls mehr Menschen zur Wahlurne. Die EU wird nicht mehr nur als Selbstverständlichkeit wahrgenommen oder als politisches Organ, dessen Beschlüsse durch die Parlamentsmitglieder weit weg von der Lebensrealität der EU-Bürgerinnen und Bürger stattfinden. Stattdessen interessieren sich die Menschen für die Gestaltung der EU und stärken ihr den Rücken, indem sie sich ihrer Stimme bedienen und zur Wahl gehen. 

Erfreulich ist auch, dass eine von der ARD in Auftrag gegebene Vorwahlerhebung von Infratest dimap zu dem Ergebnis kam, dass nicht nur ein gesteigertes Interesse an der Gestaltung der EU vorhanden ist, sondern auch, dass die breite Mehrheit der Befragten die EU positiv bewertet. In neun Ländern seien 80 oder mehr Prozent der Ansicht, dass ihr Land von der EU-Mitgliedschaft profitiere. In zehn weiteren Ländern gaben dies immerhin zwischen 65 und 80 Prozent an. Nur in Italien liege die Zustimmung unter 50 Prozent. Grund für diese überwiegend gute Bewertung der EU seien die wirtschaftlichen Vorteile, die 78 Prozent der Befragten sahen. 77 Prozent begründeten ihre positive Einstellung mit der Ansicht, globale Probleme könne man nur mithilfe der EU lösen.

Für die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), den Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) und die Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuss (ANG) zeigt dies, dass die Durchführung der Kampagne „Europa braucht Helden“ wichtig und richtig war. Das Bekenntnis der Ernährungsbranche zu einem starken Europa konnte dazu beitragen, die Relevanz der EU für alle Akteure der Lebensmittelwirtschaft und für die Verbraucher in den Vordergrund zu rücken. Bis heute wurden in den Sozialen Medien unter #EuropasHelden 240 Beiträge gepostet und rund eine halbe Million Menschen erreicht. Christoph Minhoff, Initiator der Kampagne, zeigt sich zufrieden: „Ich freue mich über die große Zahl der Unterstützer, die wir in so kurzer Zeit für die Kampagne gewinnen konnten. Unser Ziel, ein deutliches Bekenntnis der Ernährungswirtschaft für Europa zu erzeugen, haben wir mehr als erreicht. In vielen Gesprächen mit Politik und Medienvertretern gab es sehr viel Zuspruch. Ich bin überzeugt, dass wir mit der Kampagne einen Prozess angestoßen haben, der auch über die Europawahl am 26. Mai hinauswirken wird, denn die Europäische Union ist trotz berechtigter Kritik die Basis für die Zukunft unserer Branche.“ ANG-Hauptgeschäftsführerin Stefanie Sabet fügt hinzu: „Dieses klare Bekenntnis einer gesamten Wertschöpfungskette zu Europa ist einmalig. Wir setzen damit gleichzeitig ein wichtiges Zeichen, dass wir die Zukunft für unsere Unternehmen aktiv mitgestalten wollen.“

Wie wichtig ein andauerndes Bekenntnis zu Europa auch nach der Wahl ist, zeigt der Blick auf die unerfreulichen Nachrichten der Wahl und damit auf das Erstarken der rechten Parteien. In Frankreich, Italien, Großbritannien, Polen und Ungarn – um nur einige zu nennen – wurden die jeweiligen rechten Parteien stärkste Kraft. Auch in Deutschland konnte die AfD an Stimmen gewinnen, wenn auch nicht so viele wie erwartet. Umso wichtiger ist jede Stimme, die sich aktiv zur EU bekennt, einen Dialog über ihre Vorzüge anstößt und an einer Verbesserung der EU mitwirken möchte. Deswegen bleibt es dabei: Europa braucht Helden! 

 

 

„Ich bin von einem Deutschen zu einem Europäer mit deutschen Wurzeln geworden.“

Europa braucht Helden: Auch in Traditionsunternehmen ist man sich dessen bewusst. Dank zahlreicher Reisen und dem Austausch mit europäischen Kollegen fühlt Peter Weishaupt, Leiter für den Export bei Rabenhorst, sich sowohl privat als auch geschäftlich stark mit der Europäischen Union verbunden. Im Interview führt er uns vor Augen, welche Vorteile aus der europäischen Gemeinschaft erwachsen und warum wir alle die EU stärken sollten. 

Als Leiter der Exportgeschäfte bei Rabenhorst haben Sie viel mit dem Ausland zu tun. Inwieweit erleichtert die Zugehörigkeit zur Europäischen Union Ihre Arbeit? Welche Aspekte schätzen Sie an der EU am meisten?

Bei Rabenhorst pflegen wir zum Teil langjährige und treue Beziehungen mit Geschäftspartnern aus fast allen EU-Binnenmärkten. Neben unserem Heimatmarkt Deutschland liegt ein Schwerpunkt unseres „Exportgeschäftes“ auf der Bearbeitung der EU-Märkte - wenn man beim Warenverkehr im EU-Binnenmarkt überhaupt von Exporten sprechen möchte: Die Zugehörigkeit zur EU bedeutet nämlich zu allererst freien und unbeschränkten Waren- und Zahlungsverkehr. Seit der Einführung des Binnenmarktes hat dies erhebliche Erleichterungen geschaffen, indem Zölle und sonstige Ein- und Ausfuhrbeschränkungen der Vergangenheit angehören und so Geschäfte innerhalb der Union quasi mit Inlandgeschäften gleichzusetzen sind. Darüber hinaus benötigen wir im globalen Kontext eine starke, gemeinsam agierende EU, um im zukünftigen internationalen Wettbewerb – vor allem mit den USA und China – eine weiterhin bedeutende Rolle zu spielen. Denn genau diese Rolle spielt die EU als stärkster einheitlicher Binnenmarkt der Welt. Wir dürfen nicht vergessen, dass die EU durch gemeinsame Standards und Werte die demokratischen Verhältnisse in den Mitgliedsstaaten schützt und zum Beispiel auch in der Umweltpolitik global wichtige Akzente setzen kann und muss. Nicht zuletzt: Einer der größten Verdienste der EU ist zweifellos die Vermeidung von zwischenstaatlichen Konflikten und die Aufrechterhaltung eines dauerhaften Friedens innerhalb Europas. Ein solcher Frieden ist keinesfalls als Selbstverständlichkeit anzusehen.

Welche Einflüsse der EU können Sie bei sich selbst und Ihren Kollegen feststellen? Wie bewerten Sie diese?

Bereits Ende der 80er Jahre bin ich in den Genuss gekommen, am größten EU-Austauschprogramm für Studenten – Erasmus – teilzunehmen. Ein Studienjahr in Spaniens Hauptstadt, Madrid, und in der Folge viele Reisen, Kontakte und den Aufbau und die Pflege von Freundschaften in vielen Ländern der Union haben mich verändert. Ich bin von einem Deutschen zu einem Europäer mit deutschen Wurzeln geworden. Wenn meine Kollegen und ich heute privat oder geschäftlich in Europa reisen, erinnern wir uns nur noch selten an die Zeit, in der wir Reisegeld in verschiedene Währungen tauschen oder teilweise lange Aufenthalte an den Grenzen in Kauf nehmen mussten. Heute passieren wir wie selbstverständlich Landesgrenzen, ohne es zu wirklich zu merken. Außerdem bereitet uns das Bezahlen in den meisten Staaten der EU kaum noch Kopfzerbrechen. Statt lästig Währungen umrechnen zu müssen, zahlen wir einfach in EURO. 

Wir profitieren heute auch von einem umfassenderen Warenangebot mit günstigeren Preisen und garantierten Qualitäts- und Umweltstandards. Nur selten aber wird die EU mit einer nachhaltigen Verbesserung von Verbraucherrechten in Verbindung gebracht, etwa der DSGVO oder der Abschaffung der Roaming-Gebühren. Auch das sind erhebliche Einflüsse auf uns als Verbraucher und Mitarbeiter von Rabenhorst. 

Rabenhorst ist ein Traditionsunternehmen, das für viele die „gute, alte Zeit“ verkörpert. Obwohl die EU seit über 60 Jahren Teil der deutschen Geschichte ist und in besonderem Maße den Wohlstand in Deutschland gesteigert hat, wird sie hingegen als Inbegriff aller Probleme der heutigen Zeit immer häufiger verteufelt. Was möchten Sie Kritikern der EU entgegnen? Warum profitieren gerade auch Traditionsunternehmen von ihr?

Jeder europäische Staat und jedes agierende Unternehmen, ob groß oder klein, profitiert von der Zugehörigkeit zum größten einheitlichen Binnenmarkt der Welt. So ist für uns die Zahl der Handelspartner in den Ländern der Union stetig gewachsen und wir fühlen uns verbunden. Durch die zunehmenden Reisetätigkeiten und -erleichterungen seit Inkrafttreten des Schengener Abkommens 1985 für den Personen- und Warenverkehr sind auch immer mehr EU-Bürger und -Unternehmer durch Reisen nach Deutschland und innerhalb der EU auf unsere Produkte aufmerksam geworden. Auch hieraus hat sich später die eine oder andere langfristige und verlässliche Geschäftsbeziehung entwickelt. Gerade kleineren Unternehmen, die nicht über die Organisationsstruktur und das export- und zollspezifische Know-how von internationalen Großunternehmen verfügen, hat der Binnenhandel durch das Wegfallen von Grenzen und Zöllen den Warenverkehr und die Abwicklung von innergemeinschaftlichen Geschäften erheblich vereinfacht. Für die weitere Geschäftsentwicklung über die EU hinaus nutzen wir in diesem Jahr zum zweiten Mal das sogenannte EU-Gateway-Programm, ein Wirtschaftsförderungsprogramm, das seit 1990 Partnerschaften und Geschäftsanbahnungen zwischen europäischen und asiatischen Unternehmen fördert. So hoffen wir, Rabenhorst und Rotbäckchen innerhalb der EU und auch in wachsenden asiatischen Märkten mit EU-Hilfe weiter zu entwickeln. 

Die EU zeichnet sich durch ihre kulturelle Vielfalt, offene Grenzen und gemeinsame Lösungen für gemeinsame Probleme aus. Inwieweit kann sich das Potenzial der EU aus Ihrer Sicht voll entfalten? Und was kann getan werden, um die Möglichkeiten der EU zu stärken? Wo müssten eventuell Änderungen vorgenommen werden?

Ja, in der Tat ist die kulturelle Vielfalt, sind offenen Grenzen und die aufgebauten Beziehungen und Freundschaften eine riesen Chance für die Lösung der vielschichtigen europäischen Themen der Zukunft. Allerdings fehlt es leider in Europa an einer gemeinsamen Sprache der Mitgliedsstaaten und damit an einer Öffentlichkeit. Egoismen und nationale Interessen scheinen oft zu dominieren. In der Kritik stehen auch oft die ausufernde Bürokratie und zu starke Regulierungsprozesse, die flexibles wirtschaftliches Handeln erschweren. Dennoch und bei aller Kritik: der Grad supranationaler Integration, den die EU erreicht hat, ist einmalig in der Welt. Die anhaltende Populismus-Welle muss eingedämmt und rein nationale Interessen müssen nachgestellt werden. Und: wir Europäer müssen uns zu einem gemeinsamen Europa bekennen und die Chancen erkennen, die aus einem starken Europa entstehen. Aus diesem Grund könnten die bevorstehenden Wahlen zu einer Richtungswahl über die Zukunft des europäischen Parlaments werden – und hoffentlich zu einem klaren Bekenntnis zu Europa.

Vielen Dank für das Interview!

 

„Als Heldin für Europa stehe ich zur EU und versuche aufzuzeigen, welche Möglichkeiten wir dank ihr heute haben“

Europa braucht Helden: Auch in der Landwirtschaft ist man sich dessen bewusst. Mithilfe von EU-Förderprogrammen führt Landwirtin Lisa Anschütz einen Hof, auf dem sie seltene Nutztierrassen hält und sich für den Naturschutz engagiert. Für sie ist die Europäische Union vor allem eine politische Instanz, die Vielfalt ermöglicht und bewahrt. Im Interview erzählt sie uns, warum ihr Leben ohne die EU auf diese Weise gar nicht möglich wäre und warum wir alle die EU stärken sollten. 

Seit über 60 Jahren sorgt die Europäische Union für mehr Freiheit, Sicherheit und Wohlstand. Die positiven Errungenschaften scheinen in vielen Debatten dieser Zeit jedoch vergessen zu sein. Welche Aspekte schätzen Sie an der EU am meisten?

Es ist oft schwer, die Einwirkungen der EU auf unseren Alltag bewusst zu erleben. Selbst die offenen Grenzen beim Urlaub im Nachbarland werden häufig als Normalität wahrgenommen. Für mich als Landwirtin hat aber natürlich die EU-Landwirtschaftspolitik eine besondere Bedeutung. Die EU hat regionale Herkunftsbezeichnungen gestärkt und die Landwirte damit unterstützt. Es ist nicht mehr erlaubt, ortsspezifische Produkte an anderer Stelle zu erzeugen. Dies ist wichtig, um regionale Ernährung zu bewahren. Dank dieser Regelung ist es möglich, faire Preise zu erheben, die uns Erzeuger unterstützen. 

Wenn man sich den Brexit und das Erstarken rechtspopulistischer Parteien anguckt, so vernimmt man häufig – zumindest vordergründig – Forderungen nach mehr Eigenkontrolle. Warum ist gerade die Europäische Union als Gemeinschaft für die Landwirtschaft wichtig?

Paradoxerweise ist es meist die nationale Gesetzgebung, die das mehr an Regelungen bringt, aber den schwarzen Peter dafür bekommt meist die EU. Ein Beispiel: unser Kreis hat andere Ausführungsbestimmungen als der Nachbarkreis, um das gleiche EU-Recht zu erfüllen. Diese unterschiedlichen Gesetzesebenen, die manchmal an Willkür erinnern, führen in der täglichen Arbeit, der Praxis, zu Verdruss. Es gibt viele EU-Regeln, laut denen gerade im Bereich Landwirtschaft nationale Regelungen gestärkt werden. Dies führt dazu, dass die Eigenkontrolle (mit dem dazugehörigen Regelwerk) meines Erachtens oft schon jetzt die Politikverdrossenheit mitauslöst. Es ist zu undurchsichtig, welche Gesetze wann greifen und häufig dauert die Umsetzung eines Beschlusses zu lange. Das sind Dinge, die am politischen System verbesserungswürdig sind. 
Nichtsdestoweniger stimmt die Devise, dass wir gemeinsam stärker sind. Beschlüsse aus der EU haben eine größere Tragweite und können Benachteiligungen verhindern. Meine europäischen Kolleginnen und Kollegen haben oft die gleichen – oder wenigstens ähnliche – Probleme wie ich. Mit der EU haben wir hier die Möglichkeit, wirkungsvolle Lösungen zu finden. Daher ist mein Appell, dass wir das Potenzial der EU noch mehr ausschöpfen müssen, indem wir sie weder kritiklos als Selbstverständlichkeit noch sie als gescheitertes Projekt ansehen. Es liegt an uns allen, die Kraft der (europäischen) Gemeinschaft zu nutzen. 

Die Landwirtschaft wird in hohem Maße durch EU-Gesetze und Vorschriften beeinflusst. Wo sehen Sie sich am stärksten von der EU unterstützt? Welche Änderungen der EU-Gesetzgebung wünschen Sie sich? 

Ich wünsche mir einen stärkeren Schutz unserer Lebensgrundlage. Deutschland allein hat hier aber nicht die Kraft zu. Die Folgen des Klimawandels und der Umweltzerstörung werden immer spürbarer und uns rennt die Zeit davon, etwas dagegen zu unternehmen. Globale Probleme brauchen globale Lösungen und auch wenn Europa nicht die ganze Welt ist, besitzt die EU mehr Möglichkeiten, wirkungsvolle Maßnahmen zu ergreifen. Dabei haben die Politikerinnen und Politiker die Verantwortung, dass Interessenkonflikte sachlich ausdiskutiert und gelöst werden und zwar bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist. Ich sehe zum Beispiel die Rückkehr des Wolfes, aber seine Existenz darf nicht das Ende der Weidetierhaltung einläuten. Eine Absicherung der Tiere und damit der Bäuerinnen und Bauern sollte schnell und klar beschlossen werden. 

Unsere Kampagne sucht nach Heldinnen und Helden für Europa, die sich aktiv zur EU bekennen. Was tun Sie, um zu dem Gelingen der europäischen Idee beizutragen?

Ich führe viele Naturschutzprogramme durch, die von der EU unterstützt werden, ebenso wähle ich spezielle Rassen und Haltungsformen für unsere Tiere aus, für die es eine Förderung durch die EU gibt. Das bedeutet weniger Tiere und mehr Einschränkungen bei der Arbeit, dagegen steht ein Gewinn an Artenvielfalt und Erhaltung alter Haustierrassen. Meinem Mann und mir bedeutet dies sehr viel. Allein unsere Lebens- und Handlungsweise profitiert daher von der EU oder wäre in dieser Weise ohne sie gar nicht möglich. Als Heldin für Europa stehe ich zur EU und versuche aufzuzeigen, welche Möglichkeiten wir dank ihr heute haben. 

Vielen Dank für das Interview!

 

„Für mich ist Europa mehr als nur ein politischer Zusammenschluss von Staaten“

Europa braucht Helden: Auch beim Einzelhandel ist man sich dessen bewusst. Emilie Bourgoin ist gebürtige Französin und arbeitet für die REWE Group in Deutschland. Als Privatperson und als Leiterin Public Affairs kann sie von den Vorzügen der Europäischen Union aus unterschiedlichen Blickwinkeln berichten. Dabei ist ihr die Vielfalt, die durch verschiedene Kulturen und Hintergründe in der EU entsteht, besonders wichtig. Schließlich bereichere sie nicht nur das private Leben, sondern auch das Unternehmen. Aus Unternehmenssicht dürfte man außerdem nicht vergessen, dass der supranationale Handel ohne die Freiheiten der EU unmöglich sei.

Als gebürtige Französin, die für ein deutliches Unternehmen arbeitet – wie würden Sie ihr Verhältnis zu Europa und der Europäischen Union beschreiben. Inwieweit unterscheidet sich Ihre Perspektive von der Ihrer Kolleginnen und Kollegen? 

Für mich ist Europa mehr als nur ein politischer Zusammenschluss von Staaten – die europäische Idee ist tief in mir verwurzelt. Durch das Austauschprogramm Erasmus bin ich überhaupt erst nach Deutschland gekommen – und nun lebe ich schon 18 Jahre hier. Mein Großvater war Spanier, meine Großmutter Italienerin, meine Kinder sind Deutsch und mein Mann Türke. Das Europamotto „In varietate concordia“ (In Vielfalt geeint) entspricht meiner persönlichen Auffassung, dass viele unterschiedliche Kulturen und Hintergründe das Leben bereichern – das gilt auch für die Vielfalt in Unternehmen. 

Für die EU gibt es viele gute Gründe. Welche Aspekte der EU sind Ihnen als Privatperson am wichtigsten? Und von welchen EU-Regelungen profitiert die REWE Group als Einzelhandelsunternehmen am meisten?

Die Grundfreiheiten der EU sind elementare Eigenschaften, ohne die supranationalen Handelsunternehmen wie die REWE Group heute undenkbar wären. Vor allem der freie Warenverkehr ist für uns als europäisches Unternehmen ein Segen. Aber auch die Personenfreiheit erleichtert uns die Arbeit: Bei Mitarbeitern aus über 150 Ländern gelingt vor allem die Integration der EU-Bürger schnell und unbürokratisch. 

Als Privatperson freue ich mich natürlich über die kleinen Annehmlichkeiten wir die Abschaffung der Roaming-Gebühren oder eine einheitliche Währung. Aber all das ist nichts, verglichen mit 70 Jahren Frieden in Europa und der Aussöhnung ehemals verfeindeter Staaten.

In vielen europäischen Ländern ist ein Rechtsruck zu verzeichnen, immer wieder kommen Stimmen auf, die einen Austritt aus der EU fordern. Gleichzeitig sorgt der Brexit weiterhin für Schlagzeilen und besorgte Mienen. Inwiefern sind solche Entwicklungen ein Weckruf für Unternehmen wie die REWE Group, sich politisch zu positionieren? 

In den heutigen Zeiten können wir nicht unpolitisch sein. Wir tragen eine Verantwortung für unsere Mitarbeiter und Kunden. Es ist an uns, klar zu benennen, wo Menschen diskriminiert und europäische Grundrechte missachtet werden. Die REWE Group ist ein pluralistisches Unternehmen und wir sind dankbar für die Freiheiten, die die europäische Integration geschaffen hat, für den Frieden und den Wohlstand, der durch die EU Einzug auf unserem Kontinent gehalten hat. Dazu bekennen wir uns klar, ob im persönlichen Gespräch oder durch zahlreiche Aktionen unseres Unternehmens.

Unsere Kampagne sucht nach Heldinnen und Helden für Europa, die sich aktiv zur EU bekennen. Was tun Sie, um zu dem Gelingen der europäischen Idee beizutragen? Und was müsste aus Ihrer Sicht insgesamt getan werden, um das Potenzial der EU besser ausschöpfen zu können?

Ich glaube, eine bessere Kommunikation ist der Schlüssel. Wir müssen allen Bürgern vermitteln, welche positiven Aspekte das Leben in der EU jeden einzelnen Tag mit sich bringt. Wir sollten weniger über Brüsseler Stereotypen wie die Krümmung von Gurken sprechen, sondern ganz klarmachen, dass die Europäische Idee eine der besten war, die jemals auf diesem Kontinent verwirklicht wurden. Und dabei trägt jeder die Verantwortung, in seinem persönlichen Umfeld Werbung für Europa zu machen.

Vielen Dank für das Interview!

 

 

„Die Europäische Union steht für Freiheit und Demokratie. Das sind hohe Güter, die wir schützen und bewahren müssen. Das sage ich auch und gerade als Mensch, der in der DDR großgeworden ist und diese erlebt hat.“

Europa braucht Helden: Auch beim Handwerk ist man sich dessen bewusst. Michael Wippler Präsident des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks e. V., weiß nicht nur die Vorzüge der EU für deutsche Bäckereien – etwa durch den Schutz traditioneller und ortsspezifischer Backwaren vor Nachahmungen – zu schätzen, sondern auch für den privaten Alltag aller EU-Bürgerinnen und Bürger. Obwohl man nicht die Augen vor den Problemen verschließen dürfe, die von EU-Regelungen verursacht werden, ruft er alle Menschen in den Landesverbänden, Innungen und Mitgliedsbetrieben dazu auf, wählen zu gehen und sich klar zu Europa zu bekennen.

Seit über 60 Jahren sorgt die Europäische Union für mehr Freiheit, Sicherheit und Wohlstand. Die positiven Errungenschaften scheinen in vielen Debatten dieser Zeit jedoch vergessen zu sein. Welche Aspekte schätzen Sie an der EU am meisten? 

Die Europäische Union steht für Freiheit und Demokratie. Das sind hohe Güter, die wir schützen und bewahren müssen. Das sage ich auch und gerade als Mensch, der in der DDR großgeworden ist und diese erlebt hat. Die EU trägt entscheidend zu Wohlstand und Lebensqualität ihrer Bürger bei. Die konkreten Vorteile, die sich mit ihr verbinden, reichen vom grenzüberschreitenden Arbeiten, dem Euro als einheitlichem Zahlungsmittel bis zum unbeschwerten Reisen und Wegfall der Roaminggebühren. Doch das Wichtigste ist: In der EU genießen wir seit über sieben Jahrzehnten ununterbrochen Frieden. Ohne den europäischen Integrationsprozess wäre diese Friedensperiode kaum denkbar. 

Die deutsche Brotkultur zeichnet sich durch ihre Vielfalt, Qualität und ihre lange Tradition aus. Inwieweit ist die Europäische Union hilfreich, um dieses Kulturerbe sowohl zu bewahren als auch einen Austausch zu ermöglichen? 

Das deutsche Handwerk gewinnt durch den Europäischen Binnenmarkt: Keine Grenzen, keine Zölle, eine gemeinsame Währung, Waren- und Dienstleistungsfreiheit, Personenfreizügigkeit, gemeinsame Einrichtungen, gegenseitige Anerkennung von Standards, etc. Rund 60 Prozent der Warenexporte der Bundesrepublik gehen in die anderen EU-Staaten. Viele Millionen Arbeitsplätze in unserem Land hängen am grenzüberschreitenden Handel. Hiervon profitieren die deutsche Wirtschaft, das Handwerk und auch unser Bäckerhandwerk massiv. 

Die Herstellung von Lebensmitteln wird in hohem Maße durch EU-Gesetze und Vorschriften beeinflusst. Häufig vernimmt man daher frustrierte Forderungen nach mehr Eigenkontrolle. Die Vorteile, die die EU für die Lebensmittelproduktion geschaffen hat, werden hingegen seltener thematisiert. Auf welche Weise profitiert das Handwerk – speziell das Bäckereihandwerk – von EU-Regelungen? 

Mehrere traditionelle Produkte des Bäckerhandwerks wie beispielsweise „Dresdner Stollen“ oder „Schlesischer Streuselkuchen“ sind aufgrund von EU-Vorgaben besonders geschützt. Die unternehmerische Freiheit und das Eigentumsrecht sind durch die EU-Grundrechtscharta gewährleistet. Viele EU-Regelungen enthalten Freiräume zugunsten der Unternehmen, die dann in der Umsetzung allerdings leider von den Behörden oder dem Gesetzgeber in Deutschland ausgehebelt werden. Richtig ist aber auch: Die Bürokratielast der Unternehmen hat durch EU-Vorgaben in der Vergangenheit massiv zugenommen, wogegen wir klar Stellung beziehen müssen. Kleine und mittlere Unternehmen sind das Rückgrat der europäischen Wirtschaft. Die Gesetzgebung in Europa nimmt auf diese Tatsache allerdings leider bisher viel zu wenig Rücksicht. Viele Vorschriften, die Europa erlässt, sind für kleinere und mittelständische Betriebe viel zu kompliziert. Daher muss der Grundsatz nicht nur gelten, sondern künftig auch in der Praxis umgesetzt werden: Vorfahrt für kleine und mittlere Unternehmen! Von dem neu gewählten Europa-Parlament erwarten wir, dass es diesem Grundsatz zum Durchbruch verhilft. 

Die EU zeichnet sich durch ihre kulturelle Vielfalt, offene Grenzen und gemeinsame Lösungen für gemeinsame Probleme aus. Inwieweit kann sich das Potenzial der EU aus Ihrer Sicht voll entfalten? Und was tun Sie, um zu dem Gelingen der europäischen Idee beizutragen? 

Aktuell kann sich das Potential der EU aus unserer Sicht leider nicht voll entfalten. Die Europäische Union muss Strukturreformen durchführen, um effizienter zu werden und sich auf ihre unabdingbaren und unverzichtbaren Kernbereiche konzentrieren, um auch die Vielfalt der Länder und ihre Identitäten zu bewahren. Im Bereich der europäischen Wirtschaftspolitik muss ein Schwerpunkt auf den Bürokratieabbau gelegt und sichergestellt werden, dass kleine und mittelständische Betriebe entlastet werden. Ungeachtet aller Herausforderungen muss es aber unser Anliegen sein, das Projekt Europa zu schützen und weiterzuentwickeln. „In Vielfalt geeint“ lautet der Wahlspruch der EU, der gegenwärtig neue Aktualität hat. Jeder Bürger ist gefordert, dazu seinen Beitrag zu leisten. Deswegen haben wir den Aufruf von Arbeitgeberpräsident Kramer an unsere Landesverbände, Innungen und Mitgliedsbetriebe weitergegeben, zur Europawahl Flagge zu zeigen, sich klar zu Europa zu bekennen, zur Wahl zu gehen und dies bei allen zur Verfügung stehenden Gelegenheiten in den Betrieben auch zu sagen. 

Vielen Dank für das Interview!

 

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